Ihr Auftrag: Bauen Sie eine neue Kirche!

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Es gibt Momente, die rar sind im Architektenalltag zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zu ihnen zählt zweifellos die Beauftragung, eine neue Kirche zu bauen. Denn die Zeichen der Zeit stehen auf Rückgang der Gemeindemitgliederzahlen und damit eher auf Verkleinerung oder gar Umnutzung der vorhandenen kirchlichen Räumlichkeiten. Aber Neubau? Eine architektonische Chance, die sich der Hannoversche Architekt Gerd Lauterbach nicht entgehen ließ: Nach seinen Plänen wurde die neue Willehadikirche in Hannovers Stadtteil Garbsen errichtet und 2017 feierlich eröffnet.

Die Vorgeschichte

 

Dieses ungewöhnliche Projekt hat eine denkbar tragische Vorgeschichte mit einem zunächst fröhlichen Beginn: Im Jahr 2009 gewann das Architekturbüro Lauterbach den von der ev.-luth. Kirchengemeinde ausgeschriebenen Wettbewerb um ein neues Gemeindehaus. Damit punktete man erneut in einem baulichen Genre, in dem man bereits viele erfolgreiche Referenzen vorweisen konnte. Doch ausgerechnet mit dem Abriss des alten Gemeindehauses eröffnete sich Brandstiftern eine ungeahnte Gelegenheit. Denn das an der Außenmauer der Kirche gestapelte Abrissholz diente den Brandbeschleunigern, der bis heute unbekannten Kriminellen, als geeigneter Herd. Die Folge: Das Kirchengebäude der Gemeinde brannte in einem Ausmaß aus, das nicht mehr erlaubte, die entstandenen Schäden durch Reparatur und Renovierung zu beheben.

Ein Schock. Ein Anlass für tiefe Trauer. Und gleichzeitig die Notwendigkeit, schnell wieder an die Zukunft zu denken. „Der Abschied von einer Kirche, die man seit den 70er Jahren, also seit Generationen liebgewonnen hat, fällt natürlich schwer,“ sagt Architekt Lauterbach, „umso wichtiger war es für unsere Konzeption des neuen Gebäudes, das Alte und das Neue in gestalterischer Synthese zusammenzubringen.“

Gerd Lauterbach
Gerd Lauterbach

Der Plan steht

 

Diese prinzipielle Arbeitsvorgabe führte zu einer spannenden räumlichen Lösung, in der sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen und gemeinsam Präsenz zeigen. So verzichtete Lauterbach darauf, die abgebrannten Außenmauern komplett abzutragen, sondern ließ einige noch intakte Flächen frei stehen, um sie in den neuen Entwurf zu integrieren. Da der neue Grundriss kleiner ausfällt als sein Vorgänger, findet das neue Gebäude symbolisch und konkret Schutz in den Fragmenten der alten Mauern. Darüber hinaus öffnet diese räumliche Strukturierung Freiräume zwischen alter und neuer Außenhülle, die zur Außennutzung unter freiem Himmel geeignet sind, etwa für Taufen.

Weitere Elemente schlagen Brücken zwischen Gestern und Heute. Die Bronzeskulpturen, die den Brand überstanden haben, sind in den neuen Räumlichkeiten wieder zu sehen. Und hinter dem Altar befindet sich eine Wandscheibe, die aus Steinen des ehemaligen Mauerwerks gefertigt wurde und heute die Christusfigur trägt. Für Mitglieder der Gemeinde wird der Kirchenbesuch so zu einem doppelten Erlebnis. Zum einen können sie den Zauber erleben, der jedem neuen Anfang innewohnt. Zum anderen erleichtert die Erinnerung an die Tradition vor Ort, den Schmerz über den Verlust der ehemaligen Kirche zu überwinden.

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Wie erschafft man einen sakralen Raum?

 

Für Gerd Lauterbach allerdings stellten sich weitere Herausforderungen, die sich mit einer zentralen Frage zusammenfassen lassen: Wie erschafft man einen sakralen Raum? „Zwei Dinge sind dabei entscheidend,“ verrät der Architekt, „eine Lichtstimmung, die zur Kontemplation einlädt. Und einen Raumklang, der mir schon beim Betreten vermittelt, dass ich mich jetzt in einer Kirche befinde.“ Der Klang hatte über seine sakrale Funktion hinaus Bedeutung, weil es ausdrücklicher Wunsch der Gemeinde war, die neue Kirche auch für die kulturelle Nutzung zur Verfügung zu stellen, also beispielsweise für Konzerte oder Veranstaltungen für bis zu 300 Personen. Geeignet waren deshalb nur klangliche Voraussetzungen, die sowohl den Auftritt eines vielstimmigen Chors als auch die klare Verständlichkeit einer einzelnen Stimme, etwa bei der Predigt, erlaubten. Nicht zu schweigen von einem für alle Besucher transparenten Klang der Orgel, die als zusätzliche Schwierigkeit nicht auf der Symmetrieachse des Kirchenraumes, sondern etwas seitlich platziert ist.

Das angestrebte Ergebnis war eine Nachhallzeit von zwei Sekunden. In enger Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Fachplaner für Raumakustik Szynajowski Akustik aus Frankfurt am Main entwickelte Lauterbach eine aus Einzelelementen zusammengesetzte Akustikdecke, die sich nach Klangtests am Modell im Labor als tauglich erwies und schließlich durch die Firma Germerott realisiert wurde. „Das war ein wirklich kribbeliger Moment,“ erinnert sich Lauterbach, „als wir dann die Messungen in der realen Kirche durchgeführt haben. Ich schätze, man hat die Steine gehört, die uns von den Herzen fielen, als wir den angestrebten Wert tatsächlich erreicht hatten.“

Auch im Bereich der Lichtführung sorgt eine ungewöhnliche Lösung für das erwünschte Ergebnis. Der Raum ist hell, ohne dabei eine zu aufdringliche Stimmung zu erzeugen. Dies wird unter anderem dadurch erreicht, dass das Außenlicht indirekt auf die großen Glasflächen projiziert wird und so ein diffuses, jahreszeitlich wechselndes Spiel von sich bewegenden Abbildungen erzeugt.

Die Kirchengemeinde ist glücklich!

 

Die ersten Gäste der Kirche und Besucher der Gottesdienste zeigten sich glücklich, an alter Stelle einen neuen Ort für Andacht und Inspiration zu finden. Für den Architekten schließt sich darüber hinaus ein ganz persönlicher Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart: „Als junger Architekt ergab sich für mich bereits ein Arbeitsschwerpunkt mit der Planung von Friedhofskapellen. Dass nun die erste Kirche im eigenen Repertoire dazu gekommen ist, ist für mich ein wirklich besonderes Ereignis.“

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